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Israels Trauma…

Das Trauma nach der Terrorattacke wird die israelische Gesellschaft nachhaltig verändern. Sie muss auch fertigwerden mit der Erkenntnis, dass Israels Sicherheitsapparat seine Bürger nicht schützen konnte…

Vor einer Woche haben die Israeli den reinen Terror erlebt: Ein Feind, den sie für schwach hielten, drang in die Stille ihrer Höfe, Küchen und Schlafzimmer ein und wütete mit unfassbarer Grausamkeit. Das angeblich unfehlbare und unbesiegbare israelische Sicherheitssystem, das uns verteidigen sollte, löste sich in Luft auf. Wie in einem Albtraum schafften es weder die Armee noch die Polizei, rechtzeitig einzutreffen, um das Massaker zu verhindern.

Eine Frau in ihrer verwüsteten Wohnung in Ashkelon nach dem Raketenangriff der Hamas am 7. Oktober…

Das Verbrechen, das sich in Israel ereignet hat, ist nicht wie andere Massaker. Der Feind, der tief in die Privatsphäre der Zivilbevölkerung eindrang, und die Tatsache der anhaltenden Lähmung des gesamten Systems haben eine traumatisierende Erfahrung des Terrors bewirkt. Die Hamas hat bewiesen, dass sie in ihrer Fähigkeit zu Terror und Meuchelmord sogar den Islamischen Staat übertrifft. Dieses Trauma wird die politische Kultur Israels wahrscheinlich auf unumkehrbare Weise verändern. Israel wird nicht mehr sein, was es bis zum 7. Oktober 2023 gewesen ist.

Aber es gibt noch eine andere Form des Schreckens: die Erkenntnis nämlich, dass der Zusammenbruch des gesamten Sicherheitsapparats kein punktueller, einmaliger Unfall ist, sondern das Ergebnis eines grossen Systemversagens. Wir verstehen jetzt, dass wir in einem Haus leben, das auf Sand gebaut wurde. Treibsand erweckt den Eindruck von festem Boden, aber sobald wir auf ihm stehen, saugt er uns in sich hinein und bringt uns schliesslich um.

Dieses systemische Versagen passierte auf drei Ebenen. Beginnen wir mit der einfachsten: der Regierung, unter der dieser Zusammenbruch stattfand.

Der Abstimmung über die Angemessenheitsklausel, die ein Teil der umstrittenen Justizreform ist und die es der Justiz künftig untersagt, die «Angemessenheit» von Kabinetts- und Ministerbeschlüssen zu überprüfen, ging eine Weigerung voraus: Benjamin Netanyahu lehnte es ab, sich am 24. Juli mit dem Generalstabschef Herzi Halevi zu treffen. Dieser wollte den Ministerpräsidenten über die sich verschlechternde Sicherheitslage informieren.

Halevi war nicht allein. Auch der ägyptische Aussenminister unterrichtete Netanyahu darüber, dass die Hamas etwas vorbereitet. Ehemalige Leiter des Inlandgeheimdienstes Shin Bet, des Mossad und hohe Militärs wie Gadi Eisenkot haben darauf hingewiesen, dass die Justizreform Kräfte bindet und darum eine Sicherheitsbedrohung darstellt.

Roboterhafter Auftritt von Netanyahu

Selbst als das Ausmass des Grauens am 7. Oktober im Verlauf des Tages bekanntwurde, konnten er und seine Minister sich nicht dazu durchringen, menschliche Worte der Entschuldigung und des Trostes zu formulieren. Netanyahus Auftritt bei der Erklärung des Kriegszustands war geradezu beängstigend. Seinem roboterhaften Tonfall fehlte es an Menschlichkeit und Empathie.

Kein anständiger Mensch hätte schlafen oder seinen Dienst fortsetzen können, nachdem 1300 Zivilisten und Soldaten brutal ermordet worden waren. Nicht nur wäre jeder gewöhnliche Mensch nicht in der Lage gewesen, zu schlafen, er hätte sich auch geschämt, zu existieren. Man erinnere sich an Begins Depression angesichts der vielen Todesopfer, die der erste Libanonkrieg gefordert hatte. Unsere Politiker hingegen lieferten uns das Schauspiel ihrer narzisstischen politischen Kämpfe um eine Regierung der nationalen Einheit.

Die zweite Ebene des Systemversagens betrifft die Armee und das politische Konzept hinter der militärischen Strategie. Jahrzehntelang hat uns Netanyahu glauben machen wollen, dass Iran der eigentliche Feind Israels sei, dass die Hamas gegen die Palästinensische Autonomiebehörde ausgespielt werden sollte, um eine Zweistaatenlösung zu verhindern.

Er hat uns glauben gemacht, dass der Konflikt als militärischer Konflikt geringer Intensität mit gelegentlichen Ausbrüchen bewältigt werden könne und dass sich der Nahe Osten verändern und gestalten lasse, indem das palästinensische Problem de facto von der Landkarte des neuen Nahen Ostens getilgt würde. Technologie, Hightech-Waffen und massive Handelsabkommen mit arabischen Staaten sollten den Traum polstern.

Diese Sicherheitsdoktrin hat sich als hohl erwiesen. Der Generalstabschef Herzi Halevi, der in der Siedlung Kfar HaOranim wohnt, ist mitverantwortlich für den Prozess, in dem die Armee ihre Identität verändert hat. Müssen wir uns wundern, dass unter seiner Leitung so viele Soldaten aus der südlichen Region abgezogen und ins Westjordanland verlegt wurden? Sind wir überrascht, dass die Behörden in den Siedlungen der Meinung waren, die militärischen Ressourcen sollten in ihrem Gebiet konzentriert werden? Wer gab den Befehl, so viele Soldaten für den religiösen Feiertag nach Hause zurückkehren zu lassen?

Ein Verteidigungssystem, das so rasch zusammenbricht, ist von innen heraus verrottet und ideologisch vernebelt. Ein solch massiver Ausfall kann nur mit der politischen Weltanschauung zusammenhängen, die die Armee in den letzten zwei Jahrzehnten geprägt hat.

Es braucht einen neuen Gesellschaftsvertrag

Die dritte Ebene ist die beunruhigendste. Der Staat selbst ist während dieses erschütternden Ereignisses zusammengebrochen. Hunderte von Menschen hätten gerettet werden können, wenn die Polizei und die Armee früher eingetroffen wären. Die französisch-israelische Journalistin Danièle Kriegel berichtete, dass sich die Soldaten nicht fortbewegen konnten, da am Schabbat keine Züge fahren. Warum gab es keine Busse? Die Soldaten wären morgens um acht Uhr an den vom Terror betroffenen Orten angekommen, stattdessen brauchten sie durchschnittlich acht bis zehn Stunden. Und warum war ihre Ausrüstung veraltet?

Viele Familien erfuhren erst durch die grausamen Videos der Hamas oder von Privatpersonen vom Schicksal ihrer Angehörigen. Die Armee aber war nicht in der Lage, sofortigen Kontakt zu den verzweifelten Familien herzustellen. Selbst ein respektvoller Umgang mit den Leichen wurde durch die Machtkämpfe zwischen den verschiedenen bürokratischen Instanzen der Polizei und der Armee erschwert.

Die evakuierten Bewohner wurden von der Zivilgesellschaft mit Lebensmitteln, Kleidung und Unterkünften versorgt. Dieselbe Zivilgesellschaft, die sich für den Schutz der israelischen Demokratie einsetzte, war auch diejenige, die den Staat ersetzte. Und warum? Wir haben jetzt den Beweis dafür, dass der Staat Israel dysfunktional ist, dass die grosse Menge an Ressourcen, die den Siedlungen und den Ultraorthodoxen zur Verfügung gestellt wurden, entscheidend gewesen wäre nicht nur für das Wohlergehen der hart arbeitenden Israeli, sondern für ihr nacktes Leben, ja für das Überleben Israels insgesamt.

Am 7. Oktober wurden uns die grundlegenden Mängel des Gesellschaftsvertrags, der die Grundlage der israelischen Gesellschaft bildet, mit einer noch nie da gewesenen Wucht ins Gesicht geschlagen. Die israelischen Bürger haben diesen inakzeptablen Gesellschaftsvertrag lange toleriert. Nach dieser Erschütterung werden wir uns viele Fragen neu stellen müssen: wie die Linke über Frieden denkt; ob es möglich ist, Seite an Seite mit den Palästinensern zu leben. Genauso notwendig wird es sein, die Grundlagen des Gesellschaftsvertrags, der das Zusammenleben von laizistischer und religiöser Bevölkerung reguliert, zu überdenken.

Eva Illouz ist Professorin für Soziologie an der Hebräischen Universität Jerusalem und Autorin mehrerer Bücher. Diesen Frühling ist «Undemokratische Emotionen: das Beispiel Israel» bei Suhrkamp erschienen.

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