Die Kraft der Stille…

In der Sportwissenschaft weiß man schon lange, dass sich Trainingseffekte bei Athleten in der Regenerationsphase einstellen, und eben NICHT in der Aktivitätsphase. Viele Laien vermuten das genaue Gegenteil, und stehen deshalb ständig unter Strom, was zur Folge hat, dass ambitionierte Hobbysportler oftmals chronisch überlastet sind – und sich wundern, warum der gewünschte Lohn all der Plagen ausbleibt…
Auch Börsianer wissen um die Bedeutung einer kreativen Pause. Nicht umsonst gilt dort seit Jahrhunderten das geflügelte Wort, im Mai das Börsenparkett zu verlassen („Sell in May and go away…“) – aber bitte nicht zu vergessen, im Herbst wieder ins Getümmel einzusteigen („…but remember to come back in September“).
In unserer hektischen, geradezu krankhaft durchorganisierten und schnelllebigen Zeit sind diese uralten Erkenntnisse jedoch völlig aus der Mode gekommen. Heute gilt es als schick, möglichst ständig erreichbar und auch in den Sozialen Medien dauerhaft präsent zu sein. Man denke nur an die pathologisch anmutende Nutzung von WhatsApp oder Facebook, die viele Menschen dort in einer Art Dauerschleife gefangen hält…
Zu dem Thema hat der Kollege Hans‑Jörg Müllenmeister für Anderwelt-Online kürzlich einen bemerkenswerten Beitrag verfasst, der die Bedeutung des Innehaltens unterstreicht. Müllenmeister schreibt:
„Wir leben im Zeitalter der permanenten Mobilmachung. Manchmal scheint es, als fehlte nur noch, dass die gegenwärtigen Kriege ganze Völkerscharen in Bewegung setzen – als müsse die Welt endgültig beweisen, dass sie keine Sekunde mehr zur Ruhe fähig ist. Ein bitterer Gedanke, doch er trifft den Kern: Unsere Epoche hat die Pause nicht nur verlernt – sie hat sie zur Bedrohung erklärt.
Die moderne Zivilisation betet einen neuen Gott an: das lineare, unaufhörliche Wachstum. Geschwindigkeit wird mit Fortschritt verwechselt, Dauerbetrieb mit Stärke. In Wahrheit ist unsere Gesellschaft ein Koloss auf dürren Beinen, der im eigenen Schatten eine Verschwörung wittert. Alles muss optimiert, beschleunigt, verwertet werden – am besten rund um die Uhr. In diesem globalen Dauerlauf gilt das Innehalten als Störung, die Pause als Defekt und der Stillstand als Sünde.“
Warum, so Müllenmeister, glauben wir Menschen, wir könnten die Naturgesetze ungestraft missachten? Ein Muskel wachse nicht während des Trainings, sondern in der Regenerationsphase. Ein Gedanke entstehe nicht im Lärm, sondern in der Stille. Wer den Geist ununterbrochen zur Produktion zwinge, erzeuge keinen Geistesblitz, sondern sterilen Lärm. Das Gehirn brauche jedoch Leerlauf und Phasen der Entspannung, um Informationen zu sortieren und Synapsen neu zu verknüpfen.
Unsere Zivilisation jedoch habe das Pausieren verlernt. Stattdessen kultiviere sie das Gegenteil: Der politische Quasseltempel in Berlin, wo Worte im Dauerbetrieb strömen, aber kaum ein Gedanke zu Ende gedacht wird. Aktuell werde sogar diskutiert, die parlamentarische Sommerpause auszusetzen – als sei selbst der demokratische Prozess ohne dieses Dauerfeuer aus Reden, Debatten und Stellungnahmen nicht mehr auszuhalten.
Müllenmeister kommt zu folgendem Fazit:
„Der grassierende Burnout unserer Zeit ist das leise Knacken im Gebälk eines Waldes kurz vor dem großen Bruch. Eine Vorwarnung, die wir überhören, weil wir verlernt haben, auf die Ökologie der Pause zu achten. An die Stelle natürlicher Rhythmen ist eine Ideologie der permanenten Ausbeutung getreten – des Körpers, des Geistes, der Erde.
Wahre Souveränität zeigt sich heute nicht im Mitrasen, sondern im bewussten Ausstieg aus der Beschleunigungsspirale. Intellektuelle Freiheit beginnt dort, wo wir uns erlauben, dem Lärm der Welt für einen Moment den Rücken zu kehren. Wir müssen wieder lernen, den Winter in unseren Biografien zuzulassen – in unseren Tagen, in unseren Wochen, in unseren Lebensphasen. Denn wer der Erholung den Raum nimmt, raubt der Zukunft die Substanz.
Ohne Pause keine Kraft.
Ohne Stille kein Gedanke.
Ohne Winter kein Frühling.“
Der vollständige Beitrag ist hier erschienen…
In diesem Sinne werde auch ich mich jetzt für einige Tage vom hektischen Börsenalltag zurückziehen. Mit Fahrrad, Zelt und Schlafsack unterwegs zu sein, den Blick zum Horizont gerichtet, das entschleunigt ungemein, richtet den Blick auf das Wesentliche und schafft Raum für neue Ideen und Projekte…
Genießen Sie die Sommerpause, lassen Sie sich inspirieren von den Wundern der Natur – und bleiben Sie uns gewogen…
Auf ein Wiedersehen in alter Frische…
Ihr Andreas Hoose
